Lügen erkennen an der Körpersprache? – leider nein

In den Gehirnen der Leute kursieren viele Gespinste darüber, was das erkennen von Lügen durch Körpersprache betrifft. Genährt werden solche Vorurteile von Leuten wie Torsten Havener, der bei RTL ungestraft erzählen darf, dass er Leute durchschaut wie Klarsichtfolie. Nicht besser sind auch Jack Nasher und die ganzen anderen mit Buchtiteln wie: „Ich durchschaue jeden Lügner“.

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Diese Käsebücher sind voller Binsenweisheiten, die der eine beim anderen abgeschrieben hat. Und am Schluss, im letzten Kapitel, steht dann doch immer ganz klein und versteckt im Nebensatz: „Im Endeffekt gibt es keine sichere Methode einen Lügner zu durchschauen..“.

Die üblichen Vorurteile und Binsenweisheiten
Lügner vermeiden den Blickkontakt. Lügner kratzen sich an der Nase und zeigen vermehrt Beruhigungsgesten wie: Nacken kraulen, mit den Fingern klopfen usw. Sie erröten und ihre Stimme wird höher. Zudem sagen sie öfter: mmmmh, ähhhh – weil sie viel länger überlegen.

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Das sind so die gängigen Ansichten. Doch was taugen Sie in der Realität?

2 widersprüchliche Philosophien bezüglich Körperreaktionen
Um das nonverbale Verhalten von Lügnern zu beschreiben konkurrieren zwei bekannte Ansätze. Beide haben ihre Existenzberechtigung und ebenso ihre Schwächen.

Zum einen gibt es den „Erregungsansatz“. Er besagt, dass bei Lügnern die körperlichen Reaktionen zunehmen aufgrund von Stress und Aufregung. Es kommt zu mehr Bewegungen im Hand-, Kopf- und Körperbereich.

Im Gegensatz dazu gibt es den „Kontrollansatz“. Er wiederum geht davon aus, das beim Lügen die Bewegungen am Körper immer weniger werden, weil Lügner versuchen so „natürlich“ wie möglich auszusehen. Daher unterdrücken sie ihre Bewegungen. Aldert Vrij hat zudem festgestellt, dass die Handbewegungen beim Lügen auch deshalb abnehmen, weil die Lügner ihre Kapazität im Gehirn dafür benötigen ihre Aussage logisch und konsistent zu halten. Dadurch können Sie ihre Energie nicht mehr auf die Aufrechterhaltung einer natürlich aussehenden Gestik verwenden.

Welche der beiden Theorien ist besser? Keine!

Beide Verhaltensweisen wurden von Forschern bei Lügnern beobachtet. Es kann also mal so und mal so ausgehen. Der Grund dafür ist, dass Menschen verschieden sind bezüglich: Intelligenz, Nervosität und auch in ihrer Erfahrung bim Erzählen von Lügen. Politiker, Manager, Finanzberater, Autoverkäufer etc. – haben viel Praxis im Umgang mit dem Lügen. Selbst als kleiner Angestellter ist man es gewohnt täglich seine eigene Meinung zu unterdrücken und nach den sozialen Erwartungen zu reden. Unsere Gesellschaft funktioniert nicht ohne Lügen.

Im Endeffekt weiß man nie wen man vor sich hat und worauf man bei ihm schauen sollte. Eine Vermehrung der Angstreaktionen kann auf Lügen hindeuten, es kann aber einfach nur Nervosität sein, die einen völlig anderen Grund hat. Solche Anzeichen beweisen gar nichts. Auch eine Abnahme von Körperbewegungen kann mehrere Gründe haben. Vielleicht hat jemand Angst, dass man ihm nicht glaubt und versucht besonders glaubhaft auszusehen?

Lügen-erkennen-KörperspracheVieles ist möglich – sicher ist gar nichts. Daher bleiben bisher alle körperbasierten Analysen von Menschen vor Gericht bedeutungslos. Sie haben in der Justiz keinerlei Beweiskraft.

Selber Mensch – unterschiedliche Reaktionen
Was den Zusammenhang von Körpersprache und Lügen betrifft, hat man 2 interessante Entdeckungen gemacht: Unterschiedliche Menschen zeigen beim Lügen  unterschiedliche Reaktionen. Das ist jetzt sicher nicht so die große Überraschung. Wichtiger ist, dass der gleiche Mensch  beim Lügen auch oft unterschiedliche Reaktionen zeigen kann. Mal wird er zappelig, mal werden seine Bewegungen weniger – es gibt keine stabilen Symptome.

Dies ist ein weiterer, bedeutender Grund dafür, dass man sich nicht auf Körpersprache als Indikator für Betrug verlassen kann.

Wie man Fehler bei der Beurteilung vermeidet
Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich Menschen auf unterschiedliche Aspekte von Aussagen konzentrieren, je nachdem wie vertraut sie mit einem Sachverhalt sind.

Wer sich zum Beispiel mit Geldwäsche auskennt, der achtet bei der Befragung eines Verdächtigen  mehr auf die Inhalte der Aussage. Da ihm das Thema vertraut ist, hat er mehr Kapazität im Gehirn, um die Ausführungen auf logische Fehler und andere Inkonsistenzen zu prüfen.

Bei Menschen, die mit dem Umfeld eines Verbrechens nicht vertraut sind, da fehlt diese Kapazität. Daher achten diese meist mehr auf die Körpersprache und verlassen sich somit auf ihr Bauchgefühl. Dadurch sind Irrtümer so gut wie vorprogrammiert.

Dies muss man denken, wenn man Lügen entlarven möchte. Die Leute können schwitzen und zappeln so viel sie wollen. Im Endeffekt kann man sie immer nur durch logische Fehler in ihren Aussagen überführen.

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Autor: Peter Kovacs

Peter Kovacs ist Diplom Betriebswirt (FH) und arbeitet als Controller. Zudem ist er Trainer für Speed-Reading, antike Gedächtniskunst und nonverbale Kommunikation.

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