Ein Kommentar zu: Pressefreiheit in China

Immer wenn es um die Pressefreiheit in China geht wird aus allen Rohren gefeuert. Dort herrsche angeblich strenge Zensur, die freie Berichterstattung werde angeblich mit Füßen getreten usw. Ich war da, ich habe es ganz anders erlebt.

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Ausländische Zeitungen sind verfügbar

Bevor ich von September 2002 bis Januar 2003 für fünf Monate als Praktikant in Shanghai gearbeitet hatte, war ich auch gespannt was mich dort erwartet. Da ich in der DDR aufgewachsen bin, weiß ich so ungefähr wie es ist Gespräche mit der imaginären Pistole im Genick zu führen. Zudem war auch meine Meinung beeinflußt von dem, was ich an Informationen von den Medien serviert bekommen hatte. Wie so oft kam alles anders als gedacht.

Zu meiner Überraschung waren in China die meisten wichtigen ausländischen Zeitungen in gedruckter Ausgabe verfügbar. Ich habe zudem jeden Tag den Spiegel Online und die ganzen anderen Intenet-Zeitungen problemlos lesen können.

Die Leute dort leben auch nicht gänzlich hinter dem Mond. So viele Millionen von Chinesen bewegen sich frei durch die Welt, machen Geschäfte, sehen dort die ausländischen Nachrichten und kehren freiwillig in ihr Land zurück. Von einer permanenten Gehirnwäsche und Volksverdummung kann daher nicht die Rede sein.

Auch die zahlreichen dort lebenden Ausländer tragen viele Informationen in das Land herein. Sie heiraten sogar chinesische Partner und keiner stört sich daran.

Wer also behauptet in China wäre medial total abgeschottet, der verbreitet selber nur Falschinformationen.

Überraschend offene Kritik am System

Während meines Aufenthaltes habe ich des Öfteren die englische Ausgabe der „China Daily“ und der „Shanghai Daily“ gelesen und war beeindruckt davon, wie offen die Reporter das System kritisieren konnten. Ein Beispiel:

In einem Artikel (Jahr 2002) ging es darum, ob es Sinn machen würde die Steuern zu erhöhen, damit der Staat sich nicht weiter so hoch verschuldet. Der Journalist kam zu dem Ergebnis, dass es nicht so gut wäre. Viele reiche Menschen hätten in den letzten Jahren ihr Vermögen durch Korruption und illegale Geschäfte gemacht. Daher würden ihre Einnahmen vermutlich der Steuer entgehen, während die ehrlichen kleinen Leute unter mehr Steuern leiden würden.

Wie hört sich das für Sie an?

Für mich klingt das nicht danach, als würde es nur eine reine Staatspresse geben, die lediglich Jubelberichterstattung ermöglicht. Es macht auf mich eher den Eindruck, dass sich die Leute dort der eigenen Probleme ganz genau bewusst sind und daran arbeiten etwas zu ändern.

Die deutsche Presse übertreibt

Was das Thema Pressefreiheit in China angeht scheint es mir so zu sein, dass die deutschen Journalisten gerne übertreiben. Warum sie das tun, dafür gibt es meiner Meinung nach zwei Gründe:

Die meisten Menschen sind Jammerlappen und sehen alles nur negativ – Schuld sind immer nur die anderen. Kritik, Lästereien über andere und Übertreibungen verkaufen sich daher besser, das liegt in der Natur der Menschen. Sehen Sie sich zum Beispiel die Presse in Griechenland an. Anstatt erbarmungslose Selbstkritik zu üben und etwas zu ändern, wird lieber auf den Leuten rumgehackt, die sie vor der Pleite gerettet haben – uns Deutschen! Wer würde dort eine Zeitung kaufen, in der genau das Gegenteil steht?

Der andere Grund ist, dass Menschen normalerweise zu vielen Dingen bereits eine feste Meinung haben und nur nach Informationen suchen, die diese bestätigen (selektive Wahrnehmung). Wenn die Mehrheit der Menschen denkt in China herrschen Zustände wie in der Nazizeit, dann kaufen sie auch nur Zeitungen, die sie in ihrer Meinung bestätigen. Also springen die Medien auf den Zug auf und geben den Leuten das, was sie hören wollen.

Fazit

Verkaufszahlen und Abhängigkeiten von den Werbeanzeigen mächtiger Industrien sind auch eine Form der Zensur.

Anstatt auf anderen rumzuhacken, sollte man sich als aufgeklärter Bürger lieber damit befassen, woher die eigenen Nachrichten kommen und ob sie wirklich neutralen Ursprungs sind.

Verabschieden Sie sich von dem Gedanken, dass die Berichte in der deutschen Presse die Realität wirklich erfassen. Auch die Qualität lässt oft zu wünschen übrig. Viele Artikel werden von Leuten geschrieben, die keine Ahnung vom Thema haben oder die meinen mit Binsenweisheiten ließen sich die Probleme in aller Welt ganz einfach lösen. Ich muss immer so lachen wenn mal wieder ein dummer Journalist einen Artikel vefasst, wo er Lösungsvorschläge für die Probleme andere Länder auftischt: „Präsident Obama muss jetzt das tun, damit das und das passiert…“. Ja klar, der US Präsident braucht Ratschläge von einem Klugscheißer, der es zum unterbezahlten Reporter einer deutschen Zeitung geschafft hat.

Nur weil es für Europa in den letzen 50 Jahren gut lief, sind wir nicht die Krone der Schöpfung. China ist derzeit eines der erfolgreichsten Länder der Welt. Die Machtverhältnisse verschieben sich gerade sehr gewaltig in Richung Asien. Anstatt immer nur über andere Länder zu lästern und automatisch davon auszugehen, dass wir die tollsten Hechte auf der Welt sind, sollten wir lieber ihre Stärken analysieren und unsere Lehren daraus ziehen.

Autor: Peter Kovacs

Peter Kovacs ist Diplom Betriebswirt (FH) und arbeitet als Controller. Zudem ist er Trainer für Speed-Reading, antike Gedächtniskunst und nonverbale Kommunikation.

3 Gedanken zu „Ein Kommentar zu: Pressefreiheit in China“

  1. Hmmmmmm…. ich befinde mich gerade seit 2 Monaten in China und bin Land und Leuten positiv gegenüber gestimmt. Was die Zeitungsberichterstattung angeht, sehe ich die Dinge jedoch anders. Nüchtern betrachtet, gibt es auf der einen Seite die Berichterstattung für die Chinesen, die ich, aufgrund mangelnder Schriftzeichenkenntnisse, noch nicht lesen kann. Daneben gibt es die Berichterstattung für die Ausländer, die in englischer Sprache stattfindet.
    Seit über einem Monat verfolge ich die Nachrichten der Shanghai Daily. Besonders auffällig waren dabei die Artikel zum Thema „Diaoyu Inseln“ (in Japan „Senkaku“ genannt). Ich hielt die Zeitung für einigermaßen neutral, wurde aber schnell eines besseren belehrt: In jeden Artikel zu diesem Thema fand eine richtige Hetze gegen die Japaner statt und der Kauf der Inseln immer in Anführungszeichen (durchaus auch 5 Mal pro Artikel) oder als angeblicher Kauf dargestellt bzw. bezeichnet.
    Dieses teilweise wirklich hässliche und mehr als eindeutige Propagandieren artete in Aufständen in Shanghai aus, in deren Verlauf Japanische Geschäfte nicht nur boykottiert sondern auch beschädigt wurden, sowie japanische Mitbürger beschimpft und bespuckt wurden. Diese Aufstände fanden allerdings erst statt, nachdem Zeitungen entsprechend Stimmung gegen die Japaner gemacht hatten und im Vorfeld mehrfach von dem Missmut des chinesischen Volkes ob dieses „Kaufes“ berichtet hatten.
    Es ist schon recht eigenartig zu beobachten, wie eine sehr einseitige und wirklich ganz und gar nicht objektive Berichterstattung nach und nach die Massen mobilisiert. Es ist in china nämlich eines sehr deutlich zu beobachten: Die Chinesen sind grundsätzlich Gruppenmenschen, also untertrieben ausgedrückt: nicht indivudualistisch.
    Das beobachtet man im täglichen Straßenverkehr, wo die Regeln (Ampeln etc.) zweitrangig sind und das Gruppengefühl siegt. Sammeln sich genügend Mopedfahrer an der Ampel, fahren sie gemeinsam drüber, egal, ob gerade rot oder grün angezeigt wird. Die Gruppe hat Recht.
    Und dieses Massengefühl macht sich auch die Propagandapolitik zu Nutze. Wenn genügend Leute die gleiche Meinung haben, werden sie entstprechend handeln. Nun muss man nur noch dem einzelnen Leser das Gefühl vermitteln, dass die Masse die Meinung xy hat. Und schon ist der Einzelne bereit, in die propagierte Richtung zu marschieren.
    Was nun die Meinungsfreiheit angeht…. da bleibe ich beim „Hmmmmm“. Immerhin soerrt die Regierung wichtige Internetseiten, auf denen es um Meinungsaustausch geht und um (womöglich) kritische China-Stimmen. Das widerspricht natürlich absolut der Freiheit der Meinungsbildung.

    1. Hallo Ines,

      Sie haben völlig Recht wegen den Medien, die chinesische Presse an sich ist staatlich gelenkt und man kann absolut nicht von Pressefreiheit reden. Ich wollte auch nicht wirklich das Gegenteil behaupten. Mir ging es nur um den Unterschied zu Staaten, wie z.B. die DDR oder Nordkorea. Dort war/ist kein kritisches Wort erlaubt, geschweige denn, dass irgendwelche Nachrichten von Aussen eindringen durften.

      Die Shangai Daily habe ich auch in englisch gelesen und mir ist aufgefallen, dass dort auch sanft-kritische Artikel zu finden waren. Es ist daher zumindest keine reine Jubelpresse, die dort unterhalten wird. Mir schien es so, dass die Chinesen ihre Probleme kennen und daran arbeiten sie zu lösen. Viele Chinesen können englisch, daher kann man davon ausgehen, dass diese Informationen jedem bekannt sind. Was halt nicht geht, ist dass Hetzkampagnen privater Medien laufen, die dann das Volk aufstacheln.

      Worauf ich noch mehr hinaus wollte ist, dass die Möglichkeit besteht an Informationen aus dem Ausland zu kommen. Also ich habe dort mehrere ausländische Online-Zeitungen lesen können, sie waren nicht gesperrt. Zudem reisen viele Chinesen durch die Welt und die vielen Ausländer vor Ort „bringen“ auch Informationen ins Land. Außerdem kann man auf den Schwarzmärkten alle ausländischen Filme kaufen. Selbst die, die absolut pro „westlich“ sind – keiner stört sich daran. Und in einem Land mit Internet und Mobiltelefonen verbreitet sich sofort jede Information, da kann die Regierung kaum was dagegen tun.

      Die Chinesen sind daher für mich kein total abgeschottetes, dumm gehaltenes Volk, dem die Regierung vorgaukeln kann, dass alles schön und toll ist. Das ist ein sehr gravierender Unterschied zu den vielen anderen totalitären, sozialistischen Regimen, die es früher gab. Die Leute können an kritische Informationen gelangen – wenn sie es möchten. Und da liegt der Hund begraben: viele möchten gar nicht oder sie interessiert es nicht. Aber die Chance ist zumindest gegeben.

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